Lena Kiefer: Ein Gespräch über Ophelia Scale, die Abkehr von Technik – und Burger

Lena Kiefer ist eine Autorin, die auch eine Neuauflage des Nibelungenliedes (langweiligster Epos ever) oder das Telefonbuch 2.0 schreiben könnte – ich würde es sehr wahrscheinlich lesen. Die Art und Weise, wie sie melodische Sätze, feinen Humor und unperfekte Charaktere in das Setting ihrer Bücher webt, ist für mich tatsächlich bislang schwer vergleichbar. Fast schon ein bisschen schade, dass sie vor allem für ihre zerstörenden Cliffhanger bekannt ist.

Getroffen habe ich Lena Kiefer, als sie zur Leipziger Buchmesse 2019 aus ihrem Debütroman “Ophelia Scale – Die Welt wird brennen” vorgelesen hat. Besagtes Buch hat in der Folge dafür gesorgt, dass meine Rückfahrt beinahe nicht in Berlin sondern erst in Hamburg (oder wann immer mir aufgefallen wäre, dass ich meinen Ausstieg verpasst habe) geendet hätte.

Inzwischen ist bereits eine zweite Trilogie von ihr erschienen, der Auftakt ihrer dritten Reihe erscheint im Herbst diesen Jahres. Zeit, mal mit der SPIEGEL-Bestsellerautorin zu plaudern und dabei den Konflikt des Buches nochmal Revue passieren zu lassen.

Ophelia Scale, eine Dystopie – für Kinder und Jugendliche?

Die Welt im 21. Jahrhundert: Statt VR-Brille und AirPods mit speziellen “Linkings” in Ohren und Augen miteinander und mit dem Netz verbunden, höchste technische Standards im privaten und öffentlichen Raum, dazu eine Erde, die von großen Multikonzernen regiert wird. Klingt einerseits spannend, dazu etwas abschreckend – für die Titelheldin Ophelia Scale, eine technikversierte Achtzehnjährige, zusätzlich leider auch nach einer Vergangenheit, die sie gern zurück hätte.

“Ophelia Scale – Die Welt wird brennen” ist der Auftakt der dreiteiligen Romanreihe von Lena Kiefer. (Artwork von Jana Runneck.)

Denn im Jahr 2134, in dem die Handlung ansetzt, ist von der ihr bekannten Welt kaum noch etwas übrig. Stattdessen herrscht ein selbsternannter König über Europa und andere Herrschende über andere Kontinente – von jeder halbwegs intelligenten Technik fehlt jede Spur. Statt Hightech also eher eine Mischung aus langweiligem Mittelalter und strengem Überwachungsstaat – damit sich die Menschen wieder daran erinnern, dass sie soziale Wesen sind, so die offizielle Begründung. Doch natürlich brodelt es dadurch unter der Oberfläche, wenn statt vollautomatischer intelligenter Maschinen, die jedes Fingerkrümmen überflüssig machen, die Menschheit wieder Ware gegen Ware tauscht – und jede Techniknutzung überwacht wird.

Hauptfiguren sind ein bisschen wie Kinder, schätze ich. Man liebt sie, aber manchmal gehen sie einem auch furchtbar auf die Nerven.

Lena Kiefer

In diesem dystopischen Setting startet die Geschichte von Ophelia Scale und kommt mit allerhand tiefgreifenden Fragestellungen daher. Die brennendste davon: Wie weit sind wir heute – 113 Jahre vor dem Start der Romanhandlung – davon entfernt, in einer solchen Gesellschaft aufzuwachen? Und obwohl die Charaktere (und ihr Alter) die Geschichte zu einem spannenden Kinder- und Jugendbuch machen, ist es absolut auch für ältere Lesende geeignet.

Die Artworks zur dreiteiligen Romanreihe von Lena Kiefer stammen von der Künstlerin Jana Runneck

Zwischen Technik-“Phobes”, einer mächtigen KI und der Frage nach der Wahrheit

Es gibt viele Dinge, die an der Trilogie bemerkenswert sind, ein wichtiger Faktor dabei ist, dass die Lesenden ziemlich lange im Dunkeln tappen und nicht wissen, wer denn nun die Guten sind. Denn es gibt nicht diese eine gute “Disney”-Seite, die niemandem ein Haar krümmt und es so schön einfach (aber dafür auch echt langweilig) machen würde. So nehmen sich weder die Regierungstreuen noch die Anhänger:innen der Rebellion hier wirklich etwas. Und während erstere Methoden gefunden haben, die weit grausamer sind, als jemanden hinrichten zu lassen, geht es für letztere um nichts geringeres als die Ermordung des Königs.

In der Vorgeschichte bekommt man einen kleinen Einblick in Ophelias Welt, bevor sie zu der jungen Frau wurde, die man am Anfang von Band 1 der Reihe kennenlernt. Das E-Short zeigt also gewissermaßen, wie sie sich in den vier Jahren bei ReVerse verändert hat – und wie verloren und einsam sie war, nachdem die Abkehr ihr alles weggenommen hatte. Es ist also nicht im eigentlichen Sinne wichtig für das Verständnis der Hauptgeschichte, diese kleine Story zu lesen, aber für alle, die Ophelia mögen, ist es eine schöne Ergänzung. 

Lena Kiefer über das eBook, welches zusätzliche Informationen zur Reihe bereithält.

Auch Ophelia Scale muss, angekommen im Regierungszentrum, auf einmal feststellen, dass nicht alles so schwarz-weiß ist, wie sie bisher geglaubt hat. Der Konflikt, welcher Seite sie glauben soll oder ob es am Ende nur ihre Gefühle sind oder die Einsamkeit ist, die sie an ihrer Aufgabe zweifeln lassen, beherrscht dabei weite Teile der Handlung, ohne dabei auch nur eine Sekunde langweilig zu werden.

Das Netz an Intrigen und der offenkundige Schock ihrer Lesenden bei den vielen unerwarteten Wendungen war dabei ein sichtlicher Genuss für die Autorin, während sie selbst natürlich genau weiß, wie es weitergeht: “Ich bin ein Planungsfreak und auch wenn ich nicht alle Details einer Geschichte vor dem Schreiben kenne, weiß ich doch, wo die Reise hingeht. Es macht allerdings großen Spaß, den Leser in die Irre zu führen und ihn denken zu lassen, dies oder jenes wäre wahr oder gelogen. Vor allem, wenn ich dann die „Was zur Hölle soll ich jetzt glauben?“-Nachrichten bekomme. Da weiß ich, ich habe etwas richtig gemacht”, erzählte mir die Autorin im Gespräch.

Der Klappentext zu “Ophelia Scale – Die Welt wird brennen” zusammen mit einem Artwork von Jana Runneck.

Zwischen Burgern und Werbetexten

Probleme beim Schreiben hatte die ehemalige Redakteurin im Marketing dabei nicht, nur ein Charakter wollte zu Beginn nicht so richtig: Protagonistin Ophelia, “die mir erst zu tough und dann zu weich geriet, bis ich die richtige Mischung hatte. Hauptfiguren sind ein bisschen wie Kinder, schätze ich. Man liebt sie, aber manchmal gehen sie einem auch furchtbar auf die Nerven”, so Lena Kiefer.

Nach eigenen Aussagen, würde die Autorin übrigens “für einen Burger nahezu alles tun”, wer also (wie ich) einen spannenden Insider oder eine tiefere Botschaft hinter einer ganz bestimmten Szene der Reihe vermutet hat: Es geht wirklich nur um die Burger. Dabei ist Essen tatsächlich ein sehr interessanter Aspekt der Geschichte, denn neben den interkulturelle Gepflogenheiten, die die Reihe zu bemerkenswert machen, zeigt sich hier auf eine gewisse Art und Weise, wie sich die Gesellschaft auch fernab der technischen Entwicklung verhält. Ich sage nur: synthetisches Hühnchen.

Weitere Bücher von Lena Kiefer

Im Herbst 2020 erschien Lena Kiefers zweite Trilogie im cbj Verlag. Mit der Don’t-Reihe zeigt sie, dass sie nach der gefühlvollen Beziehung ihrer Protagonistin Ophelia auch ganz in dem Genre großer Gefühle aufzugehen weiß. Die Trilogie um Kenzie und Lyall ist eine spannende Explosion aus dem bekannten Humor der Autorin, vielschichtigen Charakteren und interessanten Beziehungen. Mich konnte die New-Adult-Trilogie mit ihrem unerwarteten Tiefgang absolut überzeugen.

Und am 13. September 2021 erscheint endlich der Auftakt ihrer neuen Urban-Fantasy-Trilogie “KNIGHTS – Ein gefährliches Vermächtnis”. Dass ich mich auf dieses Buch freue, wäre vermutlich die Untertreibung des Jahres, denn wie eingangs erwähnt: Lena könnte des Nibelungenlied oder das Telefonbuch neu auflegen und ich würde es lesen. Dass sie sich nun eines meiner liebsten Themen, nämlich der Artus-Sage, angenommen hat, lässt mich, gelinde gesagt, etwas ausflippen. Und wer der Autorin auf Instagram folgt, weiß auch, dass für das kommende Jahr bereits eine unter dem Arbeitstitel “Westwell” angekündigte Reihe geplant ist. Was genau uns da erwartet, erfahren wir hoffentlich spätestens zur Buchmesse im Oktober.

Bibliographische Angaben zu Ophelia Scale

Ophelia Scale – Die Welt wird brennen*

18,00

Lena Kiefer; cbj Verlag
18. März 2019
ISBN: 978-3-570-16542-3

eBook verfügbar; eine Taschenbuchausgabe ist in Planung.

Ophelia Scale – Der Himmel wird beben*

18,00

Lena Kiefer; cbj Verlag
26. August 2019
ISBN: 978-3-570-16543-0

eBook verfügbar; eine Taschenbuchausgabe ist in Planung.

Ophelia Scale – Die Sterne werden fallen*

18,00

Lena Kiefer; cbj Verlag
11. November 2019
ISBN: 978-3-570-16557-7

eBook verfügbar; eine Taschenbuchausgabe ist in Planung.

Ophelia Scale – Wie alles begann

0,99

Lena Kiefer; cbj Verlag
8. Juli 2019
ASIN: B07Q5ZLTC6

eShort zur Vorgeschichte der Handlung.

* Die Rezensionsexemplare von Ophelia Scale wurden mir freundlicherweise von der Verlagsgruppe Randomhouse kostenfrei zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung jedoch nicht beeinflusst.

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