Warum ich der nächsten Person, die über “starke Frauenfiguren” spricht, meine Teetasse an den Kopf werfe

Ich stelle immer wieder fest, wie sehr mich einige Dinge doch immer wieder irritieren. Immer und immer wieder. Eigentlich wollte ich mit so etwas aufhören (also mich davon irritieren zu lassen), aber dann reicht doch wieder ein einziger Kommentar, ein dahingeschiedener Halbsatz in einer Rezension und ich spüre mein Augenrollen bis in die Zehenspitzen. Diesmal also nicht lächeln und winken, diesmal gibt es einen Artikel dazu. Denn: Leute, was ist das mit den “starken Frauenfiguren”? Warum ist das so eine Kategorie, die es offenbar in Buchrezensionen geben muss?

Oh, don’t get me wrong: Bücher brauchen starke Charaktere. Figuren, die Denkmuster durchbrechen, sich selbst hinterfragen, die Story beeinflussen, handeln statt warten und, nun ja…dahin gehen, wo sie eben hinwollen, ohne darauf zu warten, von anderen extra abgeholt zu werden. Wäre das gemeint…vielleicht wäre ich d’accord mit dem Begriff. Aber es ist in der Regel eher so: Die weibliche Figur, die zum Schwert greift, statt eine sanftmütige Heilerin zu sein. Die laute, aktive Frau, die allen ihre Meinung geigt. Die selbstbestimmte Karrierefrau, die von niemandem abhängig ist. Das sind alles schöne Features, aber sie machen keinen starken Charakter aus. Nicht per se.

Es klingt eher so, als würde “stark” noch immer alles das bezeichnen, was unsere Gesellschaft gern in Männern verkörpert sieht: der meinungsstarke Krieger, der erfolgreiche Karrieredude, der unabhängige Supertyp. Was sagt es eigentlich über uns aus, dass wir im 21. Jahrhundert noch immer denken, diese Dinge auf Frauenfiguren übertragen zu müssen – damit sie “stark” sind?

Charaktertiefe und Verständlichkeit

Für mich existiert dieses Problem auf – mindestens – zwei Ebenen. (Wenn ich eine Weile darüber nachdenke, finde ich vermutlich noch weitere.) Einmal die offensichtliche. Nämlich, dass wir diese gesellschaftlich maskulin konotierten Eigenschaften nutzen und sie unreflektiert als stark empfinden. Weibliche Figuren brauchen das also, um in dieser Bewertungsskala zu bestehen. Gleichzeitig kommen noch immer zu viele männlich gelesene Figuren nicht ohne einen tragischen Hintergrund aus, der sie davon abhält, eben diesem Ideal nachzueifern. Der tieftraurige Barde, der durch >hier bitte dramatische Geschichte einfügen< kein Schwert mehr halten kann. Ist es so unglaubwürdig, dass ein Junge ohne Druck sagt, dass er gern Barde werden möchte? Und kann die “starke Heldin” nicht auch als hingebungsvolle Heilerin, als Näherin oder Köchin genauso ein Barass-Charakter sein wie die degenschwingende Gräfin? Stark heißt nicht automatisch bold, nicht laut, nicht exzentrisch. Aber das ist offenbar selbst in Fantasyromanen zu fantastisch. Am besten schauen wir gar nicht erst in andere Genres…

Die zweite Ebene reiht sich direkt daran an. Für mich ist ein starker Charakter eine Figur, die sich entwickelt, die nachdenkt und sich selbst hinterfragt. Eine Figur, die in der Geschichte den Unterschied macht. Und das sind neben allem anderen vor allem gut geschriebene Charaktere. Eine Figur mit Tiefgang, mit einer Geschichte und nachvollziehbaren Motiven. Und dabei ist es mir egal, ob sie gut oder böse ist. Ein starker Charakter nimmt mich mit, ich muss und will mich dafür nicht in jeder Facette mit der Figur identifizieren müssen.

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