Planet Magnon – Leif Randt

Es gibt hin und wieder den Moment, da fällt mir nach Jahren ein Buch erneut in die Hände, bei dem ich mich eigentlich öfter gefragt habe, warum ich es noch immer im Regal stehen habe. “Planet Magnon” von Leif Randt ist eines dieser Bücher. Es ist zeitgleich eines der Bücher, bei denen ich froh bin, ihnen eine zweite Chance gegeben zu haben. Denn vier Jahre nach Erscheinungstermin des Taschenbuches, habe ich den Roman erneut gelesen – und er hat mich überwältigt.

Slow Burn trifft auf Sozio-Science-Fiction

Beim ersten Lesen war mir Leif Randt zu leise, zu wenig dramatisch, zu wenig “Space Opera”, zu wenig von irgendwie – allem eben. Gut vier Jahre später amüsiert mich dieser Gedanke ehrlich gesagt sehr. Es zeigt mir, dass ich mich als Leserin aber auch als Mensch weiterentwickelt habe. Und dass ich mittlerweile anders auf viele Dinge schaue. Denn jetzt ist es gerade diese Unaufgeregtheit sowohl in der Erzählung als auch der Erzählweise, die dieses Buch zu etwas besonderem macht. Die Ruhe in “Planet Magnon” ist nahezu dröhnend, der Roman ist Utopie und Dystopie in einem. Auf dem Klappentext wird der Literaturkritiker Denis Scheck wie folgt zitiert: »Als hätte der StarWars-Erfinder George Lucas zusammen mit Jürgen Habermas, dem brillantesten Soziologen Deutschlands, einen Roman verfasst«. Eigentlich könnte ich die Rezension an dieser Stelle beenden, denn damit ist grundsätzlich alles gesagt.

Wenn eine KI für alles in Deinem Leben sorgt – bist Du dann glücklich?

Es war das Worldbuilding des Romans, das mich schon beim ersten Lesen fasziniert hatte: Ein fiktives Sonnensystem, regiert von einer KI, die dafür sorgt, dass überall Friede Freude Eierkuchen herrscht. Gesetze passen für alle, sie plant die Infrastrukturen, klärt soziale Belange usw. Dies hat zur Folge, dass die Menschen sich auf die Dinge konzentrieren, die ihnen wichtig sind. Sie leben daher in Kollektiven zusammen, die mal eine gewisse Ähnlichkeit zu drogenberauschten Partygemeinschaften haben, und mal fast schon konservativ unterwegs sind. Ähnlich wie der Bundeswehrrecruitingdienst an weiterführenden Schulen, buhlen diese Kollektive um die Gunst all jener, die sich ihnen bitte anschließen sollten.

In einem dieser Kollektiven sind die beiden Protagonist*innen aktiv: den Dolphins. Und während die Lesenden den beiden auf ihrer Missionierungsreise zwischen den Planeten folgen, lernen wir nach und nach die soziokulturellen Zusammenhänge dieser Welt kennen. Und bemerken eventuell die auf sehr intelligente Weise eingewobenen Parallelen zu unserer Gesellschaft heute.

Klappentext von “Planet Magnon”

“Leif Randt schickt seine Protagonisten in eine bizarrutopische Welt, die an neue Popmythen ebenso erinnert wie an Klassiker des Hollywoodkinos. In den unendlichen Weiten des Weltraums existiert ein Sonnensystem, dessen sechs Planeten und zwei Monde von einer weisen Computervernunft regiert werden. Zwischen Metropolenplanet Blossom und Müllplanet Toadstool ist längst die neue Zeit angebrochen, eine postdemokratische Ära des Friedens und der Selbstkontrolle. Menschen haben sich zu Kollektiven zusammengeschlossen, die um die besten Lebensstile konkurrieren. Doch das Sonnensystem wird erschüttert, als das aggressive Kollektiv der gebrochenen Herzen von sich reden macht. Minzefarbene Giftwolken steigen von Marktplätzen und Sommercamps auf, tatsächliche Gewalt droht in die Planetengemeinschaft zurückzukehren. Können Marten Eliot und Emma Glendale, die beiden jungen Spitzenfellows des Dolfin-Kollektivs, den Umsturz verhindern?” (Quelle)

Das Kollektiv der gebrochenen Herzen

Der Roman hat vergleichsweise wenig Handlung. Ein bisschen liest er sich wie ein sozialwissenschaftliches Fachbuch, nur längst nicht so dröge. Aber tatsächlich ähnlich emotionsarm. Darin jedoch liegt der Kniff der Geschichte, denn eine so derart optimierte Welt ist emotionsarm. Es gibt keinen Grund für Emotionen, egal welcher Art. Und hier setzt das “Kollektiv der gebrochenen Herzen” an, eine neue Vereinigung, die dieses System in Frage stellt.

Leif Randt hat mit “Planet Magnon” keine sprühende Science Fiction kreiert. Wer diese erwartet, wird bitterlich enttäuscht sein. Stattdessen hat er auf unaufgeregte und melancholische Weise eine ruhige Hommage an die Menschlichkeit geschrieben – und die Frage, was sie eigentlich bedeutet und was uns zu dem macht, was wir glauben zu sein. Dies eingebettet in einen eher deskriptiven Roman und der Sprachgewalt seiner Erzählung, macht das Ergebnis zu einem ruhigen und doch spannenden, abenteuerbefreiten und doch mitreißenden Leseerlebnis.

Titel: Planet Magnon
Autor: Leif Randt
Formate: Taschenbuch, gebunden und eBook
Erschienen am 12. Januar 2017 bei KiWi
ISBN: 978-3-4620-4953-4
Kurzmeinung: Leif Randt hat mit “Planet Magnon” einen eher deskriptiven Roman mit schwer zu fassender Sprachgewalt kreiert, dessen Ergebnis eine melancholisch ruhige und doch spannende Hommage an die Menschlichkeit ist. Ein mitreißendes Leseerlebnis, das tatsächlich ohne eine abenteuerliche Handlung auskommt.
Zur Verlagsseite

Folgende Artikel könnten Dir auch gefallen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.