Klassenunterschiede – Mein Feminismus-Rand über Klassismus

Seid ihr schonmal über das Wort “Klassismus” gestolpert? “Klassismus” meint Benachteiligung aufgrund der sozialen Herkunft – es geht also um Vorurteile und Diskriminierung von Menschen aus der Arbeiter*innenklasse und armen Menschen. Die soziale Herkunft ist eine der vielen Formen von Diversität und damit ein wichtiger Aspekt im Feminismus.

Wenn Ihr jetzt irgendwie das Gefühl habt, in einem Essay über Marx und Engels gelandet zu sein – so falsch seid ihr gar nicht. Fakt ist, dass es über die Maßen unfair ist (habe mir eben wirklich einen Ast abgebrochen, nicht scheiße zu schreiben, huch!), dass Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft Vor- und Nachteile erfahren. Und zwar je nach Gesamtlage, wirklich solche Nachteile, dass ihnen ganze Lebensbereiche gar nicht erst offen stehen – wie ein höherer Bildungsabschluss und damit verbunden (oft) besser bezahlte Jobs. Ihr erkennt das Potenzial des Teufelskreislaufs, nicht wahr?

Die Überlebenstaktik: Bloß nicht auffallen.

Dass mir selbst durch dieses System Nachteile entstanden sind, habe ich erst spät bemerkt. Was zum Einen zeigt, wie viele Dimensionen im Klassismus es nochmal gibt, denn wäre meine Familie nicht nur eine Arbeiter*innenfamilie gewesen, sondern hätte z. B. über einen längeren Zeitraum Hartz IV bezogen, hätte ich mir diese Naivität kaum so lange erhalten können. Stattdessen begleitete mich diese Naivität bis ins Studium. Dort stellte ich fest, wie viel besser sich die anderen Studierenden bereits auskannten und wie wenig ich offenbar von der Welt und von wissenschaftlichen Abläufen wusste. Damals war mein Fazit kurz und schmerzlos: Okay, du gehörst halt nicht zu den cleveren 50 Prozent des Raumes. Lies mehr und lerne, dann passt das schon.

Auch als ich Vollzeitstudium und Teilzeitjob unter einen Hut bringen wollte – während mir andere von den lustigen Parties erzählten, die offenbar überall und ständig stattfanden, dachte ich noch, ich stelle mich einfach nur bemerkenswert dämlich an. Der Groschen fiel tatsächlich erst im Masterstudium. Nämlich als ich versuchte, ein Stipendium zu bekommen, um nicht mehr nebenbei arbeiten zu müssen. Als die Absage meiner vorab auserkorenen Lieblingsstiftung kam, sagte mir eine Kommilitonin: “Wie merkwürdig! Du passt doch so in deren Raster als Arbeiter*innenkind.
Da war es. 
Das Wort. 

Ich vermisse mein naives Ich manchmal

Ich hatte das Wort nicht zum ersten Mal gehört und dennoch… Eine schwierige Mischung aus Verwirrung, Ablehnung und dem Bewusstsein meiner eigenen Dummheit begleitete mich daraufhin mehrere Wochen.
Wochen, in denen ich viele Momente meines Lebens hinterfragte, gedanklich nochmal durchspielte und auf einmal sah.
Wochen, in denen ich meine Umgebung und mich selbst darin plötzlich neu musterte. 
Und ich habe es gehasst. 
Ich war wütend auf das System und vor allem auf meine eigene Naivität. Mir war mal beigebracht worden, dass es unsere Taten seien, die bestimmen, wer wir wären. Obwohl ich permanent von den eindrucksvollen Beweisen des Gegenteils umgeben war, habe ich mich daran festgeklammert, als würde loslassen mich zerstören. 

Vielleicht hat es das auch. 
Und vielleicht vermisse ich mein naives Ich. 
Das Ich, dass die Frage jedes Jahr am ersten Schultag nach den Sommerferien, “echt schon wieder Ostsee, wird das nicht langweilig?” nicht wirklich verstanden hat. Das Ich, dass sich gefragt hat, was zur Hölle man mit einem “Feriengrundstück” macht. Oder wieso Leute dreimal im Jahr in den Urlaub fahren – hatten die alle kein schönes Zuhause? 

Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit

Vor allem aber wünsche ich mir rückblickend, ich hätte nicht jahrelang so getan, als wäre ich Teil dieses Systems. Alles nur, um nicht aufzufallen. “Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit“, wenn ich mich in Kreisen bewegt habe, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte, war mir aber ganz unbewusst in Fleisch und Blut übergegangen. Ob das im Studium oder in meinen ersten Jobs war: Ich war immer darauf bedacht, reinzupassen.

Unbewusst war das eine Überlebenstaktik geworden, die einen ganz eklatanten Nachteil hatte: Ich habe meine Wurzeln missachtet und mich dadurch verbogen. Dabei bin ich so stolz auf diese Wurzeln. Ich habe mich nur immer davor gefürchtet, darauf reduziert und entsprechend abgestempelt zu werden. Weil unsere Gesellschaft so ist. Was diese Menschen jedoch geleistet haben, um an einen Punkt zu gelangen, der für viele andere so selbstverständlich ist, das wird entweder geflissentlich übersehen oder gar nicht erst bemerkt. 

Die Stärke in der sozialen Herkunft

Dabei liegt eine unglaubliche Stärke in unserer sozialen Herkunft. Wir haben soviel geschafft, um dorthin zu kommen, wo andere starten. Die Angst ist jedoch längst nicht unbegründet: Klassismus ist sowohl in vielen Unternehmen und natürlich auch in unserer Gesellschaft ein enormes Problem. Ein Problem, dass Leute wie mich nicht so willkommen heißt, wie wir es verdient hätten. Und noch viel mehr Leuten den Zugang ganz verwehrt.

Daher mein Appell zum Schluss: Traut euch, seid laut, seid selbstverständlich – ihr habt euch diesen Platz hart erkämpft, also nehmt ihn ein. Nehmt ihn ein für euch und für alle vor euch. Und ermutigt andere, es euch gleich zu tun. Ich hätte damals ein Role Model gebraucht und bin viel zu spät selbst erst zu etwas in dieser Art geworden – weil wir der Gesellschaft erlauben, unsere soziale Herkunft völlig zu Unrecht zum Stigma zu machen.

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