Die Überlieferung der Welt – Selin Visne

Die Überlieferung der Welt – Selin Visne (dtv Verlag)

Als ich im Oktober 2019 auf der Buchmesse durch das dtv-Verlagsprogramm für 2020 blätterte und aufgrund der schönen Aufmachung an Die Überlieferung der Welt* von Selin Visne hängen blieb, hätte ich nicht, gedacht, dass mich das Buch würde so packen können. Ein High Fantasy Standalone, noch dazu eine Heldenreise, in nur 441 Seiten? Aber die Autorin hat mir gezeigt, dass das geht.

Doch nun habe ich das Buch in nur einem Rutsch durchgelesen. Nach nur einer kurzen Eingewöhnungszeit, konnte ich komplett in die Welt der Neuen Götterlande eintauchen und bin schnell mit den Charakteren warm geworden.

Die Handlung wird dabei abwechselnd aus der Sicht der Helden geschrieben, wobei sich lediglich der Erzählfokus ändert, nicht aber die Perspektive. Und während wir beim Lesen dadurch die ganze Zeit über die Klappentext-ProtagonistInnen Laelia und Hadrian begleiten, kommen nach und nach noch andere Figuren dazu.

Klappentext von Die Überlieferung der Welt*

Nur zusammen können sie ihr Schicksal erfüllen,
doch können sie einander vertrauen?

Seit dem Tod ihres Vaters hält Laelia sich und ihren kleinen Bruder mehr schlecht als recht über Wasser, indem sie ihre geschickten Finger immer häufiger in fremde Taschen gleiten lässt. Bis Nero, der Herr der kriminellen Unterwelt, auf sie aufmerksam wird und der frechen Taschendiebin Einhalt gebieten lässt. Hadrian ist als Neros designierte Hand scheinbar am Ziel seiner Träume, doch will er dem Herrn der Unterwelt auch den letzten Teil seiner Seele überschreiben? Als Hadrian sich gegen seinen Ziehvater wendet, müssen er und Laelia aus ihrer Heimat fliehen. Sie schließen sich einem Seher an, dessen Vision sechs widerwillige Gefährten auf eine gefährliche Reise schickt. Doch jeder von ihnen hat etwas zu verbergen und mächtige Feinde wollen um jeden Preis verhindern, dass sich die Prophezeiung erfüllt. (Quelle)

Die Überlieferung der Welt – Selin Visne (dtv Verlag)

Wie immer will ein Klappentext natürlich vor allem neugierig machen, doch diesmal bin ich wirklich hin und hergerissen, ob ich den Klappentext gelungen finde oder nicht. Denn erlässt mir ein bisschen zu viel aus, legt mir zuviel Augenmerk auf Laelia und Hadrian (auch wenn die beiden in der Geschichte zweifelsfrei im Fokus stehen), während die anderen Helden der Reise, in nur einem Nebensatz erwähnt werden.

Die Neuen Götterlande

Die Grundidee ist ein wahrer Klassiker in der High Fantasy: Ein Gruppe bis dahin nur locker verbundener oder sich gänzlich fremder Charaktere machen sich gemeinsam auf den Weg, um die Welt zu verbessern, einem übermächtigen Feind zu entfliehen oder – wie in diesem Fall: ein persönliches  Ziel zu erreichen.

Durch die wechselnde Perspektive, lernen wir dabei nicht nur die einzelnen Beweggründe der Charaktere besser kennen, sondern auch die Charaktere selbst. Und während die Blutmagierin Vena erst sehr spät in der Geschichte hinzustößt, verfolgen wir die Geschichte der anderen fünf HeldInnen etwas länger. Dennoch fand ich gerade die Geschichte um Vena mit am eindrucksvollsten, denn die Autorin konnte ihrem Charakter trotz der relativen Kürze ihres Auftrittes sehr viel Tiefe geben.

Die Quest – Etwas sehr Persönliches

Die Quest, derer sich die HeldInnen zu stellen haben, wirkt anfangs etwas banal, denn im High Fantasy Bereich sind wir es gewohnt, dass böse Tyrannen vernichtet, übermächtige Ringe ins Feuer geworfen oder gar falsche Götter zerstört werden müssen. Selin Visne lässt ihre Charaktere hingegen ein ganz persönliches Motiv verfolgen. Wenngleich der mysteriöse Seher Divan von Beginn an den Eindruck erweckt, den anderen nicht die ganze Wahrheit zu erzählen. Das Ende selbst kam dann für mich sehr überraschend, obwohl die Autorin rückblickend einige gut platzierte Hinweise hat fallen lassen.

„Unser Freund hier – nichts für ungut, Divan – hätte sie wahrscheinlich
nur mysteriös und grimmig angestarrt.“
„Ich versuche, es nicht persönlich zu nehmen, danke“,
grummelte Divan mysteriös und grimmig.

DIE ÜBERLIEFERUNG DER WELT, SELIN VISNE, S.167

Von Namen und Bedeutungen

Bei einer Sache bin ich mich weder während des Lesens noch jetzt danach wirklich sicher mit meiner Meinung. Ich rede von den manchmal schon irritierend offensichtlichen Bezeichnungen der Gottheiten und Städte. Einerseits sind mir (gerade, wenn Elfen eine Rolle spielen!) die Fantasy-Bezeichnungen manchmal schon etwas zu abgedreht, sodass ich hin und wieder beim Lesen entweder gar nicht mehr weiß, wo genau wir gerade sind – oder, das andere Extrem, zu viel Zeit im Register verbringe, ohne das ich aufgeschmissen wäre. Gleichzeitig sind mir Bezeichnungen wie Visiona, die Hauptstadt der Seher hier mitunter etwas zu banal gewählt.

Die Überlieferung der Welt – Selin Visne (dtv Verlag)

Die Geschichte, die nicht loslässt

Am Ende war ich dann gleich in zweifacher Hinsicht überrascht. Zum einen habe ich das wirklich nicht kommen sehen. Zum anderen ist auch der Zeitpunkt des Endes eher untypisch. Ich hatte noch so viele Fragen, wollte wissen, wie es im Bezug auf verschiedene Personen weitergehen würde – aber da war einfach Schluss. Und soll ich dir was verraten? Ich fand es super! Man ist es inzwischen so gewohnt, dass auch bei Fantasyromanen nach dem großen Show Down noch so ein „Drei Monate später…“ oder „Zehn Jahre später…“ folgt, dass ich schlichtweg kurz überfordert damit war, mir meine eigenen Gedanken dazu zu machen, wie die Welt denn nun nach dem Ende des Buches für die einzelnen Figuren aussehen mag. Aber jetzt kann ich gar nicht mehr damit aufhören und das begeistert mich enorm.

Fazit: Die Überlieferung der Welt* ist für einen Einzelband ein überraschend komplexes Fantasyabenteuer mit spannenden Charakteren. Selin Visnes Figuren sind liebenswert und ihr Storytelling beeindruckend warmherzig, mit einer fantastischen Liebe zum Detail und immer für eine Überraschung gut. Ich hoffe, dass ich nicht zum letzten Mal etwas von ihr gelesen habe.

Buchrezension Bewertung

Bibliographische Angaben von Die Überlieferung der Welt*

Titel: Die Überlieferung der Welt*
Autorin: Selin Visne
Originalsprache: deutsch
gelesen auf: deutsch
Version: Taschenbuch
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (13. März 2020)
ASIN: B07ZQ3D6V4
ISBN: 978-3423718523
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 448 Seiten
Preis: 10,95€ (Taschenbuch), 9,99€ (eBook)

* Das Rezensionsexemplar von Die Überlieferung der Welt wurde mir freundlicherweise von der dtv Verlagsgesellschaft kostenfrei zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung jedoch nicht beeinflusst

Die Überlieferung der Welt – Selin Visne (dtv Verlag)

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