Das Ende des 21. Jahrhunderts – oder: Zwischen Science Fiction und Thriller

Ende April ist mit Singularity der neue Roman des Science-Fiction-Autors Joshua Tree erschienen. Herausgegeben vom Fischer Tor Verlag, erzählt der Science-Fiction-Thriller “Singularity” in drei Erzählsträngen von der Zukunft der künstlichen Intelligenz am Ende des 21. Jahrhunderts. Gelegenheit genug, nicht nur das Buch unter die Lupe zu nehmen, sondern auch an das Gespräch zurückzudenken, das ich mit dem Bestseller-Autor während der Leipziger Buchmesse 2019 gemeinsam mit Missi geführt habe.

In seinen Roman spielt Joshua Tree mit verschiedenen Perspektiven, mitunter sogar mit unterschiedlichen Zeitebenen. Im Gespräch hat er erklärt, warum ihn das so fasziniert: “Beim Fossil habe ich ein Ermittlerduo auf zwei Zeitebenen. Das heißt also, die Lesenden erfahren, was passiert ist, während gleichzeitig die Ermittlungen stattfinden”, so der Autor über seine Trilogie “Das Fossil”, in dem der kanadische Archäologe Dan Jackson nach seinem spurlosen Verschwinden nur eine umstrittene Theorie zurück lässt. Der zweite Handlungsstrang, der knapp dreißig Jahre später mit dem Duo Agatha Devenworth und Pano Hofe ansetzt, untersucht dessen Verschwinden.

Thrillerelemente ziehen sich dabei durch die Arbeit des mittlerweile auf Zypern lebenden Autors. “Bei Ganymed zum Beispiel geht es um eine unbekannte Substanz, die vom Rand des Sonnensystems als Probe zur Erde gebracht wird – auf dieser haben in der nahen Zukunft Konzerne die Macht. Diese Konzerne bekämpfen sich dann gegenseitig, weil alle diese Proben haben wollen”, erzählt Joshua Tree.

Galouyes Welt am Draht mit sehr aktuellen Elementen

Für “Singularity” geht er noch einen Schritt weiter, der Roman ist wenn man so will philosphischer als seine bisherigen Werke. Philosophischer, weil nachdenklicher, extrem verdichtet und doch auf eine ähnliche Art spannend. Der Roman hat dabei durchaus Ähnlichkeit mit den Ideen Philip K. Dicks oder Daniel Galouyes Klassiker “Welt am Draht”, der die 60er Jahre mit seiner Simulation in der Simulation geschockt hat: Wenn es gelingen kann, eine perfekte Simulation zu erzeugen, woher wissen wir dann, dass wir nicht in einer “leben”? (Und wie merkwürdig ist es, einen solchen Satz dann zu schreiben?)

Joshua Tree nimmt diese Elemente und dreht sie weiter. Er verbindet den Gedanken der Realitätssimulation mit der menschlichen Angst vor einer übermächtigen, unkontrollierbaren KI – und verteilt alles auf drei Erzählstränge, die zunächst nicht viel miteinander zu tun haben.

Das Bild, welches er dabei von dieser möglichen Zukunft zeichnet, ist dystopisch düster und stimmt nachdenklich. Der Klimawandel wütet und verursacht nicht nur Superstürme, neue Wüsten und überflutete Städte. Die ganze Natur scheint zerstört, die Menschheit bereits stark dezimiert und von einer globalen Einheit ist sie weiter entfernt, als wir heute. Es gibt genetisch und technisch verbesserte Menschen und dann die “Überflüssigen”, jene Menschen, die als billige Arbeitskräfte dienen. Dazu virtuelle Fluchtwelten und die Möglichkeit der Datenübertragung ganzer Individuen.

Parallelen lassen sich auch zu Dan Simmons Hyperion-Gesänge finden, wenig überraschend, denn Joshua Tree ist selbst ein Fan der amerikanischen Sci-Fi-Ikone: “Dan Simmons schreibt in mehreren Genres und immer fantastisch gut. Und Hyperion ist superphilosophisch, eine tolle Zukunftsvision.”

In Szene gesetzte Elemente der Hard Science Fiction

Der Roman ist auch in anderer Hinsicht in fast schon typischer “Joshua Tree”-Manier entstanden. Wie auch in seinen bereits erschienen Reihen, ist “Singularity” Science-Fiction mit wissenschaftlichem Anspruch, also “alles, was in meinen Romanen passiert, ist nach aktuellen Erkenntnissen der Wissenschaft denkbar”, so Joshua Tree. Wichtig ist ihm neben der eigenen Recherche auch der Austausch mit Kolleg:innen. “Ein Kollege ist beispielsweise Teilchenphysiker und Vollnerd im positiven Sinne. Der weiß dann alles.”

Wer vor allem in der etwas seichteren Science Fiction unterwegs ist, die in der Tradition von George Lucas und Becky Chambers geschrieben sind, wird daher mitunter Schwierigkeiten haben, sich in den Welten von Joshua Tree zurecht zu finden. “Singularity” ist durch die stark verschiedenen Settings aber auch nur bedingt vergleichbar mit den akkurat wissenschaftlichen Romanen von Brandon Q. Morris, dessen Weltraumreisen eher hinreißend nachvollziehbar statt fantastisch-spritzig sind. Dennoch erwarten die Lesenden auch hier scharfe Beobachtungen und eine fachliche Tiefe statt leichte Unterhaltung mit schönen Effekten.

Bibliografische Angaben zu “Singularity”

Singularity (Joshua Tree)
Verlag: Fischer Tor: Originalausgabe, Erstausgabe (1. April 2021)
ISBN: 978-359-670087-5
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 464 Seiten
Preis: 16,99€ (Taschenbuch), 14,99€ (eBook)

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