Neon Birds – Marie Graßhoff

An Neon Birds habe ich mich lange nicht angetraut, obwohl ich es bereits seit Dezember im Regal stehen hatte. Schuld daran war vor allem die Tatsache, dass ich noch immer so geflasht war (und bin) von den Büchern von Becky Chambers und fürchtete, nie wieder so begeistert sein zu können.

Denn auch wenn es etwas kleinkariert sein mag, für mich besteht zwischen Science Fiction und Raumschiffen ein unmittelbarer Zusammenhang. Ich bin dabei mehr als bereit, das sehr offen zu betrachten: Ob Stargate, Star Trek oder eben Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten – irgendwie gehört die Auseinandersetzung mit einer wie auch immer gearteten Fortbewegung im Weltall, die Suche nach neuen Planeten oder eben Begegnungen mit deren Bewohnern für mich dazu.

Die Handlung von Neon Birds hingegen spielt auf der Erde. Und zwar (bislang) ausschließlich. Aber ist das wirklich ein Problem?

Der Wunsch nach Perfektionismus und sein böses Ende?

In Neon Birds erwartet uns eine quasi postapokalyptische Erde. Dabei scheinen die Städte zunächst vor allem erstmal eines: Moderner. Zwischen Solar Punk und architektonischen Neuerungen, versuchen die Menschen möglichst grün zu leben, in Akademien werden junge Menschen bestmöglich ausgebildet und doch – irgendwas stimmt da nicht. Es könnten die über den ganzen Globus verteilten Areale sein, die mit hohen Mauern abgeschottet und mit Kontrollzentren versehen wurden. Einige davon umfassen flächenmäßig ganze Stadtteile ehemaliger Metropolen. Oder ist es die Tatsache, dass einige SoldatInnen wie HeldInnen gefeiert werden, weil sie mutierte Menschen erlegen?

Neon Birds – Marie Grasshoff im Lübbe Verlag. Rezension auf vielleichtaberdoch.de

Natürlich ist es beides. Denn in diesen Arealen befindet sich der Albtraum der Menschheit: Menschen, die sich mit einem digitalen Virus infiziert haben: KAMI. Ursprünglich entwickelt, um den Menschen zu verbessern, Schwächen ob nun physisch oder psychisch zu bewältigen und so die perfekten SupersoldatInnen zu schaffen, hat sich Kami verselbstständigt. Dabei hat die KI eines sehr schnell gemerkt: Eine der größten Schwächen des Menschen, sind seine Emotionen. Doch da die Infizierten ohne diese nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden können, sind sie eine Gefahr für alle. Also werden sie eingesperrt. Hat auch den Vorteil, dass sich niemand so leicht mit dem Virus anstecken kann.

Klappentext von Neon Birds

Es ist das Jahr 2101. Ein außer Kontrolle geratener technischer Virus verwandelt Menschen in hyperfunktionale Cyborgs, die dem Willen der künstlichen Intelligenz KAMI gehorchen. In Sperrzonen eingepfercht, werden sie von Supersoldaten bekämpft, die man weltweit als Stars feiert. Doch die Mauern beginnen zu bröckeln. Sekten beten KAMI als Maschinengott an. Und während der Kampf zwischen Menschheit und Technologie hin und her wogt, versuchen vier junge Erwachsene, den Untergang ihrer Zivilisation zu verhindern … (Quelle)

Woran ich bei so dystopischen Geschichten immer denken muss, ist dass sie ja weit weit weit in der Zukunft spielen und man sich keine Gedanken machen muss, dass….und dann spielt Neon Birds halt einfach mal in 81 Jahren. Schon ein bisschen gruselig oder?

Was will KAMI wirklich?

Zwischendurch habe ich mich gefragt, ob es nicht sein kann, dass einfach alle KAMI kategorisch falsch verstehen und es – vor allem, wenn man einige der dienstälteren Militärs so sieht – nicht sogar gut wäre, wenn alle einmal infiziert wären. Einen solchen Moment hatte ich bei Ophelia Scale letztes Jahr auch…aber dann gab es doch so einige Verwicklungen, die mich an der Idee zweifeln lassen.

Neon Birds – Marie Grasshoff im Lübbe Verlag. Rezension auf vielleichtaberdoch.de

Dabei war es besonders spannend, zu sehen, wie sich die vier ProtagonistInnen, die sich größtenteils vorher noch gar nicht kannten, langsam zusammen raufen und auf ihre eigene Art und mit einer jeweils ganz persönlichen Motivation versuchen, KAMI zu stoppen. Die Sichtwechsel zwischen Andra und Okijen, sowie Luke und Flower sind dabei taktisch enorm gut gesetzt: Sie animieren einerseits zum kontinuierlichen Weiterlesen und andererseits entsteht so das Gefühl der Eile: Beeilt euch, die Hütte brennt. Dabei bin ich vielleicht zwar ein ganz kleines bisschen verliebt in Okijen, aber meine wahre Heldin ist Calen. Ich möchte unbedingt mehr von ihr lesen. Und von Shiva und natürlich über das Geheimnis, dass Alaska, Marshall und Flowers Mutter miteinander verbinden.

Ich bin daher mehr als froh, dass Teil zwei der Geschichte (Cyber Trips) bereits am 30.5. erscheint, während der Abschlussband Beta Hearts ebenfalls noch in diesem Jahr, nämlich am 29.9. erscheint.

Gibt es ein Aber?

Über mein „Aber“ musste ich lange nachdenken. Denn mich hat es schon überrascht, dass das Buch besonders von SciFi-EinsteigerInnen sehr gelobt wurde. Gerade den Einstieg in die Handlung fand ich sehr hart. Da gibt es viele SciFi-Stories die wesentlich sanfter oder aber epischer beginnen. Neon Birds hingegen beginnt sehr faktenorientiert, was ich persönlich am SciFi liebe, da ich hin und wieder auch gern mal einen Hard SciFi-Roman in die Hand nehme. Auch bleibt Marie Grasshoff insgesamt in ihrer Erzählung sehr bodenständig, also keine magisch anmutenden Ultrawaffen und das am Abgefahrenste ist mitunter die Cyber Trips-Technologie. Andererseits könnte es auch genau das sein, was Neu-LeserInnen hilft, in das Genre zu kommen… Mein „Aber“ ist daher weniger zum Buch selbst, als eine Beobachtung vieler Rezensionen, die mit „Ich lese ja eigentlich kein SciFi aber!“ beginnen. Eigentlich ist ist mein „Aber“ also im Grunde eher ein „Leute, lest mehr SciFi!“. ♥

Fazit: Nach einer kurzen Eingewöhnung, da ich mehr „klassisches“ SciFi erwartet hatte, hat mich die Story mit ihren Charakteren umgehauen. Ich bin gespannt auf die Folgebände und die Entwicklung der Handlung und freue mich, mit Neon Birds einen spannende SciFi-Roman empfehlen zu können, der von einer tollen Autorin geschrieben wurde.

Buchrezension Bewertung

Bibliographische Angaben

Titel: Neon Birds
Autorin: Marie Grasshoff
Originalsprache: deutsch
gelesen auf: deutsch
Version: Taschenbuch/Paperback
Verlag: Bastei Lübbe; Originalausgabe (27.11.2019)
ASIN: B07JN5F2Q2
ISBN: 978-3596702626
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 463 Seiten
Preis: 15,00€ (TB), 11,99€ (eBook)

Neon Birds – Marie Grasshoff im Lübbe Verlag. Rezension auf vielleichtaberdoch.de

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