Animant Crumbs Staubchronik – Lin Rina

Der Roman Animant Crumbs Staubchronik von Lin Rina ist rein optisch eine absolute Augenweide. Wenn du das Cover auch schon live in einer Buchhandlung deiner Wahl gesehen hast, weißt du wovon ich rede. Dennoch habe ich mir den Roman über den die Buchbloggerwelt und ganz besonders die Bookstagram-Community auf Instagram gern sprechen, als eBook geholt. Und ich muss sagen: ich bin froh darüber, nicht den vollen Preis der Printausgabe gezahlt zu haben.

Gleich zu Beginn tauchen wir Leser*innen ein in die Welt von Animant Crumb. Sie ist das jüngere Kind einer wohlhabenden Familie mit Sitz in der ländlichen Umgebung des Londons am Ende des 19. Jahrhunderts. Entgegen des – damals üblichen – Wunsches ihrer Mutter, sich auf Gesellschaften zu zeigen und so die Aufmerksamkeit eines wohlhabenden jungen Mannes zu gewinnen, versteckt sie sich in ihren Buchwelten. Sie ist belesen und schüchtert ihre Gesprächspartner mit ihrem Wissen zumeist ein – im Falle ihrer Mutter ist es ihr dabei in aller Regel auch egal, ob sie sie damit verletzt.

Schließlich erhält sie die Möglichkeit einer temporären Anstellung in der Bibliothek der Londoner Universität nachzugehen. Kurzerhand wird sie – dank des Einflusses ihrer Familie – die erste Frau, die sich geduldet in den Mauern aufhalten darf – in Form der Assistentin des griesgrämigen Bibliothekars Mr. Reed.

England 1890.

Kleider, Bälle und die Suche nach dem perfekten Ehemann. Das ist es, was sich Animants Mutter für ihre Tochter wünscht. Doch Ani hat anderes im Sinn. Sie lebt in einer Welt aus Büchern, und bemüht sich der Realität mit Scharfsinn und einer gehörigen Portion Sarkasmus aus dem Weg zu gehen.
Bis diese an ihre Tür klopft und ihr ein Angebot macht, das ihr Leben auf den Kopf stellt.

Ein Monat in London, eine riesige, vollautomatische Suchmaschine, die Umstände der weniger Privilegierten und eine Arbeitsstelle in einer Bibliothek. Und natürlich Gefühle, die sie bis dahin nur aus Büchern kannte. (Quelle)

Der Anfang der Staubchronik hat mich ungemein begeistert. Ich liebe Erzählungen aus dieser Zeit und London hat es mir in Büchern ja eh total angetan. Dazu der verheißende Titel. Auch Animant wirkte (anfangs) wie eine interessante Protagonistin: sie lebt in der Welt ihrer Bücher, die Geflogenheiten ihrer Schicht sind ihr egal und damenhaftes Verhalten darf von ihr nicht erwartet werden.

Wo bleiben die Geschichten der „Nebencharaktere“?

Doch je weiter ich in der Geschichte vorantrieb, desto enttäuschter wurde ich. Die Darstellung der Stadt ist sehr eindimensional. Lediglich zwei oder drei Kapitel geben einen tieferen Eindruck in die Schicht der gewöhnlicheren Bevölkerung. Viele interessante Nebengeschichten, wie die von Animants Bruder und die von ihrer neuen Freundin, die sie bei einer Abendgesellschaft kennen lernt, bleiben unvollendet und werden höchstens am Ende noch einmal in einem belanglosen Nebensatz aufgegriffen.

Dabei haben mich diese Geschichten sehr interessiert. Denn beide spiegeln eine Gesellschaft wieder, wie es sie heute – zum Glück – nicht mehr gibt. In den Nebenhandlungen geht es darum, dass Frauen zwar an einer eigenen kleinen Universität studieren durften, aber kaum Nachschlagewerke hatten, um dies wirklich nachhaltig zu können – die große Bibliothek der Universität war natürlich den Männern vorbehalten. Auch der Antisemitismus in den anglikanischen Familien der Oberschicht wird kurz thematisiert – aber dann wieder gänzlich fallen gelassen. In beiden Geschichten bringt sich Animant aktiv ein, zeitweise dominieren sie sogar einen Teil der Handlung – um dann eben im Sande zu verlaufen.

Lin Rina - Animant Crumbs Staubchronik (Drachenmond-Verlag) - Buchrezensionen auf vielleichtaberdoch.de

Und da habe ich mich gefragt, warum eigentlich. Und die Antwort ist leider: für eine ziemliche Klischee-Lovestory. Animant ist anfänglich ein sehr starker Frauencharakter. Ihr Vater vergöttert sie und lässt ihr ihre Flausen durchgehen und in der Art und Weise wie sie mit ihrer Mutter aneinander gerät, erinnerte sie mich oft an mein jüngeres Ich, das Bücher auch immer über alles stellte und dabei wohl leider auch gern mal etwas ungehobelt wirkte.

Aber kaum ist sie in London angefangen, interessiert sie sich auf einmal für die Männerwelt. Anfangs ist es der gebildete Typ Verwaltungsangestellter, der erstmal beeindruckt ist, wie belesen sie ist. Aber schnell wird klar, in welche Richtung sich die Handlung bewegt und ab da wird es echt öde. Sie mutiert zu einem „Kann das wirklich Liebe sein“-Mädchen mit ganz viel „Mimimi er ignoriert mich – oh ein Lächeln, die Welt ist wieder schön.“ Und ich fragte mich nach der Botschaft dahinter.

Von wegen „Staubchronik“ – eher Schnulze mit absurdem Ende

Aber ich habe weitergelesen. Aus drei Gründen. Zum einen hoffte ich darauf, dass die Erwartungen des Buchtitels erfüllt wurden (werden sie nicht) und ich wollte natürlich noch viel mehr über die spannenden Nebengeschichten erfahren (habe ich nicht). Vor allem aber – und das klingt vielleicht merkwürdig: ich mochte noch immer das Setting. Ich wollte in diese Story eintauchen, die beiden merkwürdigen Protagonisten hinter mir lassen und alle anderen Personen näher kennen lernen.

Fazit: Der Titel des Buches zusammen mit dem Verlag, in dem es erschienen ist, ließen mich eine schöne Fantasy-Story in London erwarten – womöglich mit Ausflügen in eine Parallelwelt oder Bibliothekselfen oder dergleichen.
Stattdessen gab es eine Lovestory mit absolut nervenden Protagonisten, angesiedelt in einem wirklich schönen Setting. Sprachlich wunderschön – wenngleich der inflationäre Gebrauch von Formulierungen wie „das Korsett schnürte mir die Luft ab“ und „ich liebte es zu essen“ den Lesefluss mitunter störte. Empfehlung? Nur wenn du Liebesgeschichten magst – dann aber eine definitive Empfehlung. Für mich war die Story zu ¾ zu schnulzig und das letzte Kapitel gar ein wahrer Albtraum an Absurdität.

Buchrezension Bewertung

Bibliographische Angaben

Titel: Animant Crumbs Staubchronik
Autorin: Lin Rina
Originalsprache: deutsch
gelesen auf: deutsch
Version: Taschenbuch
Verlag: Drachenmond-Verlag (20. November 2017)
ASIN: B077PH9HTV
ISBN: 978-3-95991-391-1
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 552 Seiten
Preis: 16,90€ (TB), 4,99€ (eBook)

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